Thomas Gratt
(1957 in Bregenz - 2006 in Wien)
Thomas Gratt wächst in Bregenz und der Nachbargemeinde Wolfurt in einem gutbürgerlichen, katholisch-konservativen Elternhaus auf. Sein Vater ist mittelständischer Bauunternehmer. Während seiner gesamten Jugend spielt Sport, namentlich wettbewerbsmäßiges Turnen, eine wichtige Rolle.
Während der Mittelschule wird er für gewisse Reizthemen und Ereignisse hellhörig, z.B. die Studentenunruhen 68 in Frankreich oder die Geiselnahme bei den olympischen Spielen 72 in München. Eine prägende Erfahrung ist die Ablehnung deutschtümelnder und ehemalig nationalsozialistischer Lehrer.
Wichtige Informationsquellen sind Radio und Fernsehen. Im Dreiländereck in Vorarlberg können die Sender von Schweiz und Deutschland empfangen werden.
Gleich nach der Matura zieht er nach Wien und beginnt ein Studium der Theaterwissenschaft. Auf dem Institut für Theaterwissenschaft findet er schnell Anschluss an Gleichgesinnte und beginnt sich in einer Institutsgruppe zunächst universitätspolitisch zu engagieren. In dieser Gruppe, die in einer Linken Liste (ULI) an Universitätswahlen kandidiert, lernt er Othmar Keplinger und Reinhard Pitsch kennen.
Über die Betätigung in der Arbeitsgruppe Politische Gefangene (APG) macht er über Vermittlung von Reinhard Pitsch die Bekanntschaft von Mitgliedern der Bewegung 2.Juni. In mehrwöchigen Gesprächen werden gegenseitig die Möglichkeiten sondiert, gemeinsame Aktionen zu machen.
Thomas Gratt ist motiviert und selbstbewusst, in wesentlichen Punkten, die gründlich diskutiert werden, stimmt man überein. In diesen Gesprächen geht es vor altem um die grundsätzliche Zustimmung zu bewaffnetem Kampf, eine besondere Ethik der Gewaltanwendung (wer und was sind erlaubte Ziele, wer nicht) und um die möglichen Konsequenzen eines Engagements. Gleichzeitig wird auch von den bereits illegalen Aktivisten beurteilt, ob er in der Lage sein wird, den Anforderungen einer illegalen Existenz zu genügen. Gratt erklärt sich bereit, Mitglied der Bewegung 2.Juni zu werden und abzutauchen.
Dies geschieht im Frühsommer 1977. Erst danach beginnen die konkreten Vorbereitungen zu der Geldaktion, die die Palmers-Entführung werden soll.
Gratt soll den Part übernehmen, der zur Öffentlichkeit Kontakt aufnimmt. Nach außen soll die Aktion wie eine gewöhnliche kriminelle Entführung, durchgeführt von österreichischen Kriminellen, wirken.
Wenn der Eindruck entstanden wäre, dass Deutsche, noch dazu Frauen, hinter der Aktion stecken, wäre der Weg zum Verdacht auf Terrorismus (und damit zu einem weit höheren Fahndungsdruck) nicht weit gewesen.
Gratt erledigt die Anrufe zur Familie Palmers, die aufgezeichnet und in Rundfunk und Fernsehen wiedergegeben werden. Dabei fällt der markante Vorarlberger Dialekt Gratts auf, in Studentenkreisen soll Gratt sogar identifiziert worden sein.
Walter Michael Palmers wird nach vier Tagen, nach erfolgter Geldübergabe, freigelassen. Thomas Gratt ist bei der letzten Gruppe der Entführer, die Wien verlässt, nachdem Wohnungen aufgelöst und die Abreise organisiert wurden.
Wegen Problemen mit dem Fluchtauto springt Othmar Keplinger als zusätzlicher Fahrer ein. Nach 48 Stunden Fahrt und einer Kette von Missgeschicken werden Gratt und Kepliner am 23.November in Chiasso an der italienischen Grenze verhaftet.
Im Februar 1979 wird Thomas Gratt zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. 1990 wird er nach 13 Jahren Haft freigelassen.
Er lebte als freier Schriftsteller in Wien. Im Frühjahr 2006 begeht Thomas Gratt Selbstmord.